Thursday

Philippe Romagnoli

Auch ich, genau wie Anne, hatte erst kurz zuvor eine "Welcome-Family" bekommen und genau wie sie, erhielt ich nur die grundlegendsten Informationen ...


... Eigentlich sogar noch weniger, wie sich herausstellen sollte und eigenartiger Weise würde mein Flug nach São Paulo erst am darauffogenden Dienstag, den 08.09. gehen, nachdem Anne schon am Freitag nach São Paulo geflogen war. Ein wenig eigenartig war die ganze Geschichte schon. Später sollte sich herausstellen, dass meiner Gastfamilie versehentlich eine falsche Information gegeben wurde. Ein AFS-Mitarbeiter hatte am Tag des Gastfamilienbesuchs Annes und meine Application verwechselt, somit dachte auch meine Gastfamilie, dass sie ein Mädchen hospedieren würden, dass sich mit ihrer Tochter das Zimmer teilen könnte. Am Donnertag also, dem Tag vor Annes und meinem geplanten Abflug, rief die Koordenadorin unseres Komitees in São Paulo unsere beiden Gastfamilien an und als sie meinen Namen erwähnte, wurde der Irrtum aufgedeckt und die Familie musste absagen, da sie keine Konditionen hatten einen männlichen Volunteer.
Dies ist die Geschichte, die ich vorletzten Sonntag von Elis, besagter Koordinatorin, schließlich persönlich erfahren habe. Sie rief also noch am Donnerstag alle möglichen Kontakte an, um mir eine Ersatzgastfamilie zu finden, einen Tag vor meiner geplanten Abreise ... und tatsächlich schaffte sie es. Sie rief Thaissa (meine Gastschwester) an, die am Mittwoch mit AFS ihr Jahr im Schülerprogramm in Italien beginnen würde. Thaisse meinte, sie würde mit ihren Eltern reden und rief 15 Minuten später wieder an. 15 Minuten in denen Elis verzweifelt weitere Telefonate tätigte währenddessen ich mich in Rio de Janeiro nichtsahnend mit meinen Freunden beim Rodizio de Pizza, unserem gemeinsamen Abschiedsessen, befunden haben muss. "Elis, hast du schon eine Gastfamilie für Philippe gefunden?", hat Thaissa gefragt und Elis dachte, dass auch Thaissa nicht helfen könne und sagte, dass sie es noch nicht geschafft hätte. Daraufhin fügte Thaissa hinzu: "...dann hast du sie jetzt gerade gefunden!". So habe ich also innerhalb weniger Stunden meine Gastfamilie verloren und eine neue gewonnen. Musste mich wegen einiger Bürokratie aber noch bis Dienstag gedulden.


An einem Dienstag Nachmittag stieg ich allein in ein Flugzeug nach São Paulo. Dort wollte mich meine brasilianische Gastfamilie erwarten, bei der ich den ersten Monat verbringen sollte, eine sogenannte "Welcome-Family", wie ich 5 Tage zuvor erfahren hatte. Ich wusste also nur die Namen der Mitglieder und hatte ein paar kurze Mails mit meiner Gastschwester Thaissa (Tha) ausgetauscht, die mich vorfeudig gestimmt hatten.
Die positive Vorahnung wurde dann auch erfüllt.
...
Bei mir jedoch, anders als bei Anne, sollte noch mehr schief gehen.
Was ich noch nicht wusste, als ich an besagtem Dienstag meinen Check-In machte, war, dass São Paulo zu diesem Moment der Himmel auf den Kopf fiel. Ein Jahrhundertregen, 96% der Menge, die es im gesamten September regnen sollte an nur einem Tag, brach über die Stadt herein. Ein größeres Verkehrschaos, als man es von São Paulo eh schon kennt kam zustande und dazu zählte eben auch die Schließung der Flughäfen. Währenddessen vergaß man in Rio de Janeiro jedoch, die Passagiere nach São Paulo darüber zu informieren. Demzufolge warteten alle geduldig, bis das Boarding beginnen sollte und wurden erst informiert, als wir schon längst hätten abheben sollen. Ok, macht nichts, bin ich eh schon gewöhnt das Warten in Brasilien ... mit anderthalb Stunden Verspätung saß ich dann also schließlich im Flugzeug, nur um nochmals eine ganze Stunde auf der Rollbahn zu verharren. Doch dann, endlich, ging es los!
Kann das schon alles gewesen sein? Sollten alle Hürden nun endlich überwunden sein endlich meine Gastfamilie zu sehen und die nervenzerreißende Spannung zu lösen? ... natürlich nicht! Mit insgesamt 4 Stunden verspätung war die Gastfamilie schon nicht mehr am Flughafen. Irgendwie habe ich es dann auf Umwegen geschafft AFS zu informieren, dass ich nun endlich angekommen bin und eine Stunde später kam mir endlich Tha entgegen, mit einem strahlenden Lächeln, dass für den ganzen Stress entschädigte, umarmte sie mich und entschuldigte sich 1000 mal. Sie nahm mich sogleich bei der Hand und stellte mir Mari vor, die Freundin meines Gastbruders Philipe. Die beiden Mädchen brachten mich also zum Parkplatz, wo dann auch mein Gastvater Roberto (Bob), mit Gipsbein, auf mich wartete. Die Verletzung hatte er sich beim Fallschirmsprung mit Tha, Philipe und Mari zugezogen. Alle Begrüßungen waren sehr herzlich und ich war superglücklich endlich angekommen zu sein.
Auf der Heimfahrt wurden also alle möglichen Infos ausgetauscht. Thaissa ist würde mit AFS am nächsten Tag für ein Jahr nach Italien fahren. Bob, ist Mitgründer und Chef einer PR-Agentur, Philipe, studiert Jura an der ältesten (Elite-)Uni des Landes, zusammen mit Mari im selben Jahrgang. Fehlte nur noch Filomena (Filô), meine Gastmom, die mich an der Tür zum Apartament empfing. Sie arbeitet bei der Air-France und ihr liebstes Hobby, zur Freude Aller, ist es zu kochen, was sich auch sogleich in einem Wunderbaren Empfangsessen bestätigte.

Am ersten Abend, den ich ich bis in die Nacht mit Thaissa redend verbrachte, sollte ich noch im Gästezimmer schlafen. Danach würde ich ein eigenes Zimmer, nämlich ihres bekommen, da sie ja sowieso weg ist. Wir alle haben uns sofort verstanden, es gab keine Zurückhaltung, die Regeln des Hauses verstanden sich von selbst. Ich war sehr erleichtert zu wissen, dass ich die nächste Zeit in dieser supernetten und superliberalen Familie verbringen würde.

Thaissa mussten wir nun leider am nächsten Morgen schon zum Flughfen bringen und ein tränenreicher Abschied  fand statt und als ich zurückkam, fand ich eine Nachricht von ihr im Zimmer vor, in der sie mir sagte, dass sie mich jetzt schon vermisse ... ich habe die tollste Gastschwester der WELT!!! Zum Glück dauert ihr Autausch nur 10 Monate, was bedeutet, dass wir vor meiner Abreise im August doch noch ein wenig Zeit haben uns besser kennen zu lernen.

Die meiste Zeit mit der Famile scheine ich wohl auf Festen zu vebringen. Aber das hat den einfachen Grund, dass sogut wie jeden Tag irgendeine Party gefeiert wird. Wir, die Familie Romagnoli, wohnen im Apartament Nº 83 einer Gated Community in Hochhausform. Zum Gebäude gehört ein eigener Poolein Fußballplatz, ein Spielplatz für die kleinen, ein Filmtheater, ein Convention Center, ein Fitness Center und eben die sogenannte 'Churrascaria'. Das brasilianische Churrasco ist eine Grillparty ganz groß. Verschiedenstes Fleisch mit Mayonesesalaten, Salatbeilagen, Reis etc. wird in riesigen Mengen gegrillt. Alle sitzen zusammen, es gibt Bier, Softdrinks und Cocktails (Caipirinha natürlich) und reden über ihre Arbeit, die Liebe, das Leben, ob Palmeiras gegen Corinhthias gewinnen wird und ... und ... und. Untypisch für brasilianische Verhältnisse, sind die meisten Familien im Hochhaus miteinander befreundet, wogegen Nachbarschaftskriege eigenlich normal sind. Da das bei uns aber nicht soi ist, wird quasi jeder Geburtstag jedes Familienmitgliedes der 50 Apartaments gefeiert ... und wenn mal kein Geburtstag ansteht, dann wird die Zeit mit einem Churrasco aufgefüllt. Neben Fleisch gibt es aber auch Kuchen, Torten, Eis, Puddings, ... ein wahres Schlaraffenland. Zum ausgleich gehe ich deswegen gerne mit Bob auf dem Laufband joggen.

Mittlerweile sind wir uns schon einig, dass auch ich in der Familie bleiben kann und das, obwohl sie sich innerhalb von 15 Minuten entschieden haben mich aufzunehmen. Ich bin superglücklich und mit jedem Tag wachsen wir enger zusammen. Filo und Bob sind schon längst 'mãe' und 'pai' und Philipe tut nichts lieber, als mich bei Pro Evolution Soccer 5 zu vernichten. Ein richtiger großer Bruder also, der mich auch schon gerne mit auf  die Uni-Party`s nimmt.

Ich fühle mich schon sehr daheim und bin erleichtert, dass alles so gut geklappt hat ... dass ich nun noch ein Zuhause mehr gewonnen habe, in dem ich immer herzlich wilkommen sein werde. Brasilien beginnt schon seit Wochen wieder in meinen Adern zu pulsieren, nicht zuletzt, weil meine Gasfamilie mich ihre Wärme spüren lässt.

Alles Liebe an euch!

Philippe


PS: Anne und ich freuen uns über Kommentare und Fragen

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