Thursday

Anne-Sophie Ferro Otsuka


An einem Freitag Nachmittag stieg ich allein in ein Flugzeug nach São Paulo. Dort wollte mich meine brasilianische Familie erwarten, bei der ich den ersten Monat verbringen sollte, eine sogennante "Welcome-Family", wie ich vier Tage zuvor erfahren hatte. Ich wusste also nur die Namen der Mitglieder und hatte ein paar kurze Mails mit meinem Gastbruder Alexandre (Alê) und meiner Gastschwester Karina (Ká) ausgetauscht, die mich vorfreudig gestimmt hatten.



Diese positive Vorahnung wurde dann auch erfüllt. Mit Blumen, Schokolade und zwei grossen sympatischen Lächeln holten mich Ká und Alê vom Flughafen ab. Auf dem Weg nach Hause erfuhr ich von den beiden bereits, dass Alê 20 ist und Geschichte studiert, während Ká ab März Sozialwissenschaften studiert, ein Auslandsjahr im französischen Kanada verbracht hat, im Juli dieses Jahre 18 wurde und seit März einen Deutschkurs im Goetheinstitut belegt. Weiter wurde familieninternes Wissen mit mir geteilt, wie zum Beispiel, dass Renato, Papa und Sohn von japanischen Einwanderern, gerne Spässe macht und Cleusa, Mama und Tochter eines Italieners und einer Spanierin, die Wochenenden am liebsten am Strand verbringt. Beide sollten ausserdem sehr gute Köche sein. So weit so gut: Ich war nervös!!!

Auch die Ankunft zu Hause war sehr herzlich, wenn mit Schüchternheit auf beiden Seiten verbunden. Nach einem ausführlichen und weinreichem Abendessen bekam ich dann noch einen Crashkurs in Sachen Dusche, Küche und Zimmer (mein eigenes Zimmer, welch Luxus!!) und fiel danach müde aber glücklich ins Bett.



Das folgende Wochenende verbrachte ich gleich sturmfrei nur mit Karina (die anderen drei hatten sich ins Strandhaus aufgemacht), welche die ersten Tage nicht einmal von meiner Seite wich, mich ausfürlich in São Paulo herumführte und mich immer wieder ermunterte, mich ganz wie zu Hause zu fühlen. Es war ein sehr schönes Wochenende, an dem mein Hirn mit den ganzen neuen Namen und Gesichtern, die ich mir einprägen musste, schon überfordert wurde.

Man kann nicht anders als Karina einfach nur lieb zu haben. Sie ist ein Riesenschatz!

Als am Dienstag der Rest der Familie zurück kam, brauchte es nur noch einen Tag bis beschlossen wurde: Anne bleibt das ganze Jahr bei uns! Wow, war ich glücklich und ich muss sagen, von mir aus gesehen war diese Familie Liebe auf den ersten Blick. Ich bin so froh, dieses mal so viel Glück gehabt zu haben nachdem ich in Chile familienmässig doch eine sehr schwere Zeit hatte.



Sehr schnell stellte sich bei uns ein Alltag ein, der mir genug Zeit gab und immernoch gibt, meine brasilianische Familie besser kennenzulernen und sie jeden Tag lieber zu gewinnen. Renato und Cleusa sind sehr fürsorglich, wie auch mit ihren eigenen Kindern sehr, und dabei gleichzeitig sehr entspannt und liberal. Ausserdem sind sie wirklich zwei Küchengötter, von grossen Grillveranstaltungen, über Sushi bis zu den exotischsten Fruchtsäften, alles ist sehr lecker. Ich habe schon Angst davor, je wieder selbst für mich kochen zu müssen.

Es ist auch beeindruckend für mich wie sehr die vier zusammenhalten und sich wirklich ALLES erzählen. Nie gibt es grosse Streits, dafür umso mehr zu lachen. Besonders Alê und Karina stehen sich auch sehr nahe und verbringen sehr viel Zeit zusammen. Oft finde ich sie nach dem Aufstehen am Wochenende zusammen in einem Bett liegend, sich das Vergangene der Woche erzählend... und Einladungen zu diesen Geschwistertreffen nehme ich immer gerne an.



Lasst mich euch erzählen, wie ich hier wohne. Ihr müsst wissen, dass das Viertel, wo die Otsuka Ferros (Nachnahme der Familie) wohnen, sich sehr westlich in dieser Riesenmetropole befindet und damit auch sehr weit weg von meiner Arbeit enfernt ist. Das ist ein Problem! Morgens brauche ich mit dem Bus mehr als eine Stunde zum Projekt. Wenn es regnet, dann eine halbe Stunde mehr. Auf dem Rückweg, wenn ganz São Paulo von der Arbeit mit dem Auto nach Hause fährt, dauert es dann anderthalb bis zwei Stunden, bei Regen wieder länger. Zum Glück habe ich immer ein Buch dabei... so viel habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Es ist absolut verrückt: Die Strassen São Paulos sind IMMER voll, wenn nicht sogar wegen Stau total verstopft, zu JEDER Uhrzeit. Als Autofahrer wäre ich hier schon durchgedreht!

Meine Familie wohnt in einem Haus, mitten in einer Gated Community. Alles ist mit Mauer, Kameras und Wächter abgesichert. Und das ist hier normal! Man findet Gated Communities überall und jeder, der es sich leisten kann, zieht es vor... wegen Sicherheit.

Ich habe mich sehr schnell (wieder) daran gewöhnt. Lateinamerika. Aufpassen! Nachts nie allein unterwegs, am besten immer mit dem Auto, kleine Seitenstrassen meiden, immer im Blick haben wer hinter einem läuft, Hand auf der Tasche, keinen auffälligen Schmuck tragen, usw.

Trotzem geniesse ich mein neues Leben hier sehr. Besonders das Wesen der Brasilianer ist mir schon sehr ans Herz gewachsen. Es ist so einfach Menschen kennenzulernen, Beziehungen aufzubauen. Alles ist herzlich... und spontan. Das hat nach meiner Ankunft zu einem Kulturschock geführt... dem schönsten, den ich je hatte.



Bis bald!!



Eure Anne

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