Monday

Die Dinge kommen ins Rollen

Wow! Jetzt sind wir schon drei Wochen hier und haben uns gar nicht gemeldet. Entschuldigt: Wir sind in einer intensiven (und sehr schönen) Eingewöhnungsphase, was sowohl das Familienleben als auch unsere Arbeit angeht. Ständig sind wir unterwegs, nehmen an Familienaktivitäten wie ausladenden Grillpartys (churrascos) teil, lernen neue Leute kennen, erzählen jedem wieder neu was wir hier machen, warum und wie lange, etc. Wenigstens kann Anne das jetzt schon fehlerfrei auf Portugiesisch rezitieren.
Was können wir kurz und zusammendfassend sagen: Einfach toll!!!




Über unsere brasilianische Familien werden wir beide jeweils noch einzeln berichten... Erstmal wollen wir euch über unser(e) Projekt(e) informieren. Am ersten Mittwoch nach unserer Ankunft wurden wir ins CIEDS Büro gerufen, um unsere Freiwilligenarbeit zu beginnen. Nach einer herzlichen Begrüssung eröffnete man uns, dass eigentlich noch gar nicht definitiv entschieden ist, wo wir arbeiten werden. CIEDS hat in São Paulo rund 10 Projekte, drei davon wurden uns zur Auswahl gestellt. In Diese sollten wir nun jeweils eine Woche hineinschnuppern bevor wir entscheiden, wo wir ein Jahr bleiben wollen (anscheinend wird von uns erwartet, dass wir verschiedene Projekte auswählen... das ist noch nicht ganz raus). Diese Vereinbarung wurde getroffen, nachdem einer der letzten beiden deutschen weltwärts-Freiwilligen in ihrem Projekt wohl sehr unglücklich war und gerne gewechselt hätte. Dieses Jahr soll es besser laufen und so traten wir am Donnerstag, den 10. September unseren ersten Arbeitstag in Projekt Nummer 1 an, Nós do Centro im Viertel Sé.





Was wird dort genau gemacht und warum? Wie wir sehr schnell mitbekamen, ist das das Zentrum von São Paulo (wo sich Sé befindet) kein besonders angenehmer Ort. Zwar ist hier alles sehr bewegt, voller Läden und Geschäftigkeit, es gibt aber auch genauso viel Armut: rund 12.000 Obdachlose, zahlreiche besetzte Häuser, wo Menschen in furchtbaren Bedingungen wohnen, viele illegale Bolivianer und Peruaner, die hier Sklavenarbeit verrichten, Prostitution, harter Drogenkonsum und viel zu wenig öffentliche Plätze, wo sich Kinder aufhalten können. Auf der anderen Seite bietet die Stadtverwaltung aber auch viele Programme an, um die Bedingungen der betroffenen Bewohner zu verbessern. Hierzu zählen kostenlose medizinische Betreuung, finanzielle Unterstützung nach Prüfung von Bedürftigkeit, die kostenlose Möglichkeit, seine Papiere auf den neusten Stand zu bringen und so weiter. Nun braucht es aber eine Instanz, die beide Parteien zusammenführt (weil viele Bewohner ja gar keine Ahnung von ihren Rechten haben) und hier tritt das Projekt Nós do Centro ins Geschehen ein. Die Mitarbeiter des Projekts gehen durch das Viertel, besonders in besetzte Häuser und in Obdachlosenheime, klopfen an Türen und registrieren Familien und auch Einzelpersonen, um diese ins Programm aufzunehmen. Erstmal registriert können die Bewohner im Büro von Nós do Centro die Dienste einer Sozialarbeiterin und eines Psychologen in Anspruch nehmen, welche sich ein genaues Bild ihrer Probleme und Bedürfnisse machen und sie an die entsprechenden Stellen weiterleiten können, die Registrierten können kostenlose Weiterbildungskurse besuchen und werden bei der Vergabe finanzieller Mittel unter Umständen bevorzugt.
Bis Dezember 2009 sollen 1050 Familien registriert und zu betreut werden, mehr als 800 Familien sind schon im Programm. Ziel ist es, diese Familien (gängiges Profil: Immigranten aus dem Nordosten Brasiliens in erster oder zweiter Generation, sehr geringes Bildungsniveau, arbeitslos oder schlecht bezahlte Jobs, durchschnittlich fünf Familienmitglieder, umgeben von Drogen und Prostitution) in die Gesellschaft zu integrieren.

Dies soll durch Informierung bezüglich ihrer Rechte, Qualifizierung für bessere Jobs und die Vernetzung verschiedener staatlicher Institutionen erreicht werden.




Am ersten Tag schon lernten wir das gesamte Arbeitsteam kennen, rund 20 Personen, von denen sechs sogennante APS sind, also die Leute, die wirklich auf der Strasse unterwegs sind, um Familien zu finden. Mit ihnen waren wir dann auch schon gleich am Donnerstag unterwegs... unsere erste Schocktherapie! Wir haben wirklich viel gesehen... an Türen geklopft, uns Geschichten angehört, sind durch dunkle, feuchte Flure voller Müll gestolpert, haben viele Fragen gestellt und unglaublich viel gelernt. Beide sind wir froh, die Erfahrungen gemeinsam gemacht zu haben. So konnten wir auch gemeinsam verarbeiten. Ein Beispiel, welches uns beide sehr nachdenklich gestimmt hat: Zusammen mit den Sozialarbeitern, stießen wir auf ein Ehepaar, welches schon lange auf der Straße lebt. Beide sind cracksüchtig und haben Syffilis, die Frau ist im sechsten Monat schwanger. Ihr Kind wird mit hoher Wahrscheinlichkeit behindert zur Welt kommen. Nachdem der Mann äußerte, dass er Interesse daran hat, in das Haus seiner Mutter zurück zu gehen, versuchten wir, den Kontakt der Mutter mittels Internet ausfindig zu machen. Wir haben es nicht geschafft! Die Mitarbeiter des Projekts haben uns erzählt, dass sie oft vor dem Problem stehen, dass die Familien ihre auf der Strasse lebenden Angehörigen auch gar nicht mehr akzeptieren, wegen Drogenproblemen, vorangegangenen Streits und so weiter.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir Armut sehen und auch nicht, dass wir mit ihr in Kontakt kommen... aber vielleicht schon das erste Mal, dass wir uns so intensiv damit auseinandersetzen. Auch die Ausmaße haben uns wirklich sehr erschrocken! Wie viele tausende Menschen allein in São Paulo wohl in diesen furchtbaren Verhältnissen wohnen? Und wie viele von ihnen nicht die geringste staatliche Hilfe erhalten, ja praktisch ausserhalb der Gesellschaft existieren... und sich dabei doch mitten im Zentrum befinden.












Nach unserer ersten Woche waren wir schon viel sensibler in Bezug auf die gesamte Problematik des Projekts und hatten ausserdem die Mitarbeiter sehr lieb gewonnen, die uns alles sehr geduldig erklärt, uns überall hin mitgenommen und sehr herzlich zu uns gewesen waren. Doch es hieß schon Abschied nehmen und zum Projekt Nummer 2 aufzubrechen.
Dieses vefolgt das genau gleiche Konzept wie Nós do Centro in Sé, bloß befindet es sich in einem anderen Viertel mit einem etwas anderem Perfil: Bom Retiro.

Auch dort begleiteten wir vom ersten Tag an die APS. Was lässt sich zu Bom Retiro sagen? Obwohl es auch ziemlich zentral gelegen ist (etwas nördlich von Sé), sieht es in dem einst von jüdischen Einwanderern bevölkerten Viertel vollkommen anders aus: Anstatt Hochhäuserlandschaften, finden sich dort fast nur zweistöckige Häuser und kleine Strassen voller Textilläden. Die Strassen sind unglaublich vermüllt und in schlechter Verfassung. Bei Regen verwandeln sie sich innerhalb von Minuten in kleine Flüsse. Die meisten Leute, die dort wohnen, verlassen ihr Viertel nie und so kennt dort jeder jeden. Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass wir beide dort etwas auffielen. Bom Retiro war für uns auch deshalb ein eindeutig gefährlicheres Pflaster als Sé.
Das Projekt befindet sich, obwohl zur gleichen Zeit gestartet, schon in einer fortgeschritteneren Phase als Nós do Centro in Sé: In Bom Retiro sind schon 1050 Familien registriert (plus viele Familien in Warteschlange), die jetzt regelmäßig besucht und betreut werden können. Wegen seiner effizienten Arbeit gilt die "Filiale" in Bom Retiro auch als Vorzeigeprojekt, wenn es darum geht, der Stadtverwaltung und der EU Fortschritte vorzustellen.
Abgesehen von den oft furchtbaren Dingen, die uns hier begegneten, gewannen wir auch hier das gesamte Arbeitsteam sehr lieb. Es war traurig, sich erstmal zu verabschieden.





Seit Donnerstag sind wir nun in Projekt Nummer drei, wieder zurück in Sé, aber nicht in Nós do Centro, sondern Plataforma dos Centros Urbanos, organisiert von CIEDS und auf Initiative und mit Unterstützung der UNICEF entstanden und am Laufen gehalten.
Es ist noch etwas früh, um euch genau zu schildern, was hier eigentlich genau getan wird. Momentan versuchen wir beide noch, alles zu verstehen. Deswegen werden wir morgen, einem Samstag, trotz wohlverdientem ;) Wochenende im Projekt arbeiten, weil es morgen eine wichtige Versammlung gibt. Sobald wir uns hier etwas zurechtgefunden haben, berichten wir euch ausführlicher!
Denn es bleiben noch so viele Dinge zu berichten, die hier noch fehlen, so viele Eindrücke und Ideen. Unsere Köpfe arbeiten seit drei Wochen auf Hochtouren um alles zu verarbeiten und einzuordnen. Es bewegt sich was! Und deswegen sind wir ja auch hier.




Liebste Grüsse an euch und bis bald!!

AP




1 comment:

  1. Hallo Philippe,
    das klingt ja ziemlich aufregend ja und vielleicht sogar ein wenig beängstigend weil ihr ja, so wie es scheint, wirklich direkt auf den Straßen arbeiten werdet. Das ist bestimmt eine große Herausforderung für euch mit unendlich vielen Eindrücken! Ich drücke euch die Daumen, dass ihr die Erlebnisse gut verarbeiten könnt und euch dort auf den Straßen auch nichts passiert.

    Auf der anderen Seite zeigt sich dann doch das touristische (Strand-) Paradies, ich denke ihr hattet dort einen sehr guten Einstieg in Brasilien.

    Danke für die ganzen Bilder und Eindrücke, ich werde öfter hier vorbeischauen!

    Dann wünsche ich euch noch viele tolle Erlebnisse und ein gutes Vorankommen mit euren Projekten.

    Viele Grüße aus Mahlow,

    Ralf

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